Istanbul - Beijing 2004
Mai 08, 2004
Im wilden Kurdistan
Das Kurdistan, durch welches wir fahren, ist nicht so wild. Es hat einige eindrückliche Berge, unter anderem den höchsten Berg der Türkei, den 5137 m hohen schneebedeckten Ararat, ansonsten ist die Landschaft eher hügelig, überraschend grün, aber gegen Osten immer wie karger. Wild sind die Flüsse nach der Schneeschmelze, die an manchen Stellen die halbe Strasse weggeschwemmt haben. Beim Passieren auf dem verbleibenden Rest schaut man besser nicht aus dem Fenster... Die kaputte Strasse spiegelt die vernachlaessigte Infrastruktur der Region. Nur in der Gegend des Atatürk-Staudamms wurde kraeftig investiert. Das Wasser hat dem Land Fruchtbarkeit, aber auch die Malaria gebracht und 185 Dörfer überschwemmt. Von den betroffenen über 300 000 Menschen haben manche ein gutes Geschaeft gemacht. Anderen reichte das Geld der Regierung gerade für den Umzug in die anonyme Grossstadt.
Die Leute in Kurdistan sind alles andere als wild, sondern sehr freundlich und hilfsbereit. Seit der Verhaftung Abdullah Öcalans gilt die Region wieder als relativ sicher, aber noch immer sind die Strassen von Wachtposten gesaeumt, werden die Fahrzeuge regelmaessig zur Ausweiskontrolle angehalten. Eines nachts werden wir sogar von der Reception geweckt und müssen auf dem Polizeiposten unsere Paesse zeigen. Wir wagen nicht zu fragen, wie die Menschen die türkische Herrschaft empfinden. Reşat, unser Führer in Van, fasst die Lage kurz und knapp zusammen: In der Stadt leben 80% Kurdinnen und Kurden (auf dem Land dürften es an die 100% sein), aber für die Regierung gibt es nur Türkinnen und Türken. Es wird zwar überall Kurdisch gesprochen - aeltere Leute ohne Schulbildung können kaum Türkisch - aber erst dieses Jahr soll an einigen Schulen kurdischer Unterricht erteilt werden. Seit kurzem wird türkeiweit eine Fernsehensendung mit ausschliesslich kurdischer Musik ausgestrahlt, was unseren Begleiter, der sie zum ersten Mal sah, zu Traenen rührte. Auch wir verfolgten ein spannendes Live-Konzert kurdischer Musik mit toller Stimmung, etwas befremdend einzig , dass der Saenger seine Performance wegen eines eintreffenden Natel-Anrufes kurz unterbrach. Leider mussten wir das Lokal wegen drohender Rauchvergiftung frühzeitig verlassen.