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Istanbul - Beijing 2004
Oktober 14, 2004
 

Panda? Panda! Panda?

Auf der Karte des chinesischen Verkehrsbueros ist suedlich von Xi`an ein Reservat fuer Riesenpandas eingezeichnet, und das Reisebuero gibt uns eine 90%ige Sicherheit fuer die Sichtung eines Pandas an. Erwartungsvoll starten wir am naechsten Morgen. Doch bereits der Taxifahrer lacht uns aus, Pandas gebe es hier nicht, sondern nur in der suedlichen Nachbarprovinz Sichuan. Am Busbahnhof wird uns mehrfach beschieden, der Bus fahre in einer Stunde. Nach 35 Minuten sind wir zurueck, der Bus ist da, aber bereits voll. Naechster Bus in einer Stunde, wir bleiben auf Platz und tatsaechlich erscheint nach 30 Minuten ein Bus und wir ergattern zwei der letzten Plaetze. Merke: Chinesische Busse fahren irgendwann ab und kommen irgendwann auch an. Dafuer ist die Fahrt landschaftlich sehr schoen.

Ein grosses Pandaplakat kuendet tatsaechlich den Park an. Der Parkleiter macht uns aber sofort klar, dass die Pandas zur Zeit hoch in den Bergen weilen und erst im Winter hinunter ins Tal kommen. Wohl um uns die Enttaeuschung einer Nicht-Sichtung oder die daraus befuerchteten Vorwuerfe zu vermeiden (den wahren Grund haben wir nie erfahren), werden wir nun mit einer Reihe von Halbwahrheiten eingedeckt, um uns von unserer Besichtigungstour abzubringen. Erst ist es ein hoher Eintrittspreis - wir sind bereit zu zahlen; dann wird es regnen - wir haben gute Regenkleider und der Wetterbericht klang ausgezeichnet; das Parkauto steht nicht zur Verfuegung - wir bezahlen ein Taxi; schliesslich hat der Forstingenieur, der als Uebersetzer fungiert, am naechsten Tag keine Zeit. Das Palaver zieht sich ueber Minuten hin, unterbrochen von chinesischen Diskussionen und Teetrinken - irgendwann ist der Widerstand gebrochen.
Am naechsten Morgen fahren wir mit dem Forstingenieur im Taxi bei strahlendem Sonnenschein in den Pandapark. Wir stoebern durch dichtes Bambusdickicht, erklimmen einen steilen Bergkamm, feldstechern vergebens an den gegenueberliegenden Hang und pirschen trotzdem hoffnungsvoll weiter. Denn es gibt auch Takins hier, Riesenschafe, so gross wie Rinder. Wir finden viele frische Huf- und Dungspuren, aber ausser einer Giftschlange sehen wir nichts Unbekanntes. Der Parkleiter hat also Recht behalten.



Es ist nicht allein die Sprachbarriere, welche das Reisen in China fuer Individualreisende so schwierig macht. Oft haben die ChinesInnen einfach voellig falsche Vorstellungen, was die Westler ueberhaupt begehren. Sieben anstrengende Stunden durch die Wildnis wandern, dafuer CHF 30.- zahlen, ohne einen Panda zu sehen - fuer einen Chinesen verrueckt. Wir hingegen finden die chinesischen Touren verrueckt. Statt moeglichst viel Zeit an den interessanten Orten zu verbringen, werden viele kleine, gleichaussehende Tempel besucht und lange Einkaufs- und Essensstopps eingebaut. Hauptsache, die Tour dauert moeglichst lange!

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Kommunismus?

Freie Marktwirtschaft! Vom wilden Westen bis ins traditionelle Herzen des Landes nichts als Handel, Handel, Handel. Besonders stossend finden wir die enormen sozialen Unterschiede: Waehrend alten oder behinderten Menschen oft nichts bleibt als die Bettelei, sind die teuren amerikanischen Fast Food Restaurants stets rumsvoll.

Was vom Kommunismus uebrig ist: Die umstaendliche Zettelwirtschaft beim Bezahlen im Kaufhaus (die wohl Korruption verhindern soll) oder die vorgeschriebene Anzahl Personal pro Quadratmeter im Supermarkt oder Restaurant. So sind es denn eher die autoritaeren Elemente, die uns auffallen: Der morgendliche Appell der Angestellten in Reih und Glied oder die soziale Kontrolle im Hotel, wenn nur die Concierge ueber den Zimmerschluessel verfuegt. Eine Englischstudentin erzaehlt uns, dass ihre Lehrer darueber bestimmen, wer einen Auslandaufenthalt absolvieren darf - sofern er oder sie einen Pass bekommt, resp. das hohe Schmiergeld bezahlen kann. Wie Oli und Katharina in Peking uns erklären: Vom Kommunismus ist tatsaechlich nichts mehr als eine Partei übrig, die sich an die Macht klammert. Die einseitige Berichterstattung in den Medien (es gibt ein englischsprachiges Fernsehprogramm) kennen wir auch aus sogenannt freiheitlichen Laendern...

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Im Herzen Chinas

Auf dem Weg von der tibetischen Hochebene herab sehen die Berge aus wie auf chinesischen Tuschbildern, steil aufragend mit runden Kuppen. Die meisten Hügel sind bis zuoberst terrassiert: Das kleinste Stück Land wird noch als Feld genutzt. Die Flächen sind so klein, dass mit Ochsen gepflügt und von Hand geerntet wird. Nur beim Dreschen machen es sich die Bauern bequem: Die Garben werden auf der Strasse ausgelegt, und die darüber fahrenden Autos lösen die Körner aus den Ähren. An die Stelle der Flachdachbauten aus Lehm treten nun Dörfer mit den typisch chinesischen leicht geschwungenen Ziegeldächern. Wir sind im chinesischen Kernland am Gelben Fluss angelangt. Der Fluss ist tatsächlich gelb (bzw. gelb-rot-braun) und bewässert mit seinem fruchtbaren Löss die weiten Ebenen. Mais-Monokulturen begleiten uns nun bis nach Peking. Leider auch das dunstige Wetter, denn wir bewegen uns entlang dem Rand der Regenzone, und entsprechend hoch ist die Luftfeuchtigkeit. Auch die vielen Kohlekraftwerke bzw. -heizungen tragen ihren Teil zur schlechten Sicht bei.

Mit Xi'an erreichen wir das offizielle Ende der Seidenstrasse. Hier befand sich über 1000 Jahre lang die Hauptstadt der alten Kaiserdynastien. Die Kaisergräber ragen als klar erkennbare Hügel aus der Landschaft, sind aber alle noch ungeöffnet. Die Grabkammer des ersten Kaisers soll unglaubliche 460m x 390m gross sein und ein Relief der damals bekannten Welt enthalten, wobei für die Gewässer Quecksilber verwendet wurde. Dieses Gift, technische Schwierigkeiten und die damit verbundenen enormen Kosten verhindern eine Öffnung der Gräber. Funde aus Nebengräbern machen das Museum von Xi'an trotzdem zum wohl interessantesten in China. Und die sagenhafte Terrakotta-Armee mit ihren 6000 individuell gestalteten Lehmsoldaten, welche das Grab des ersten Kaisers bewacht, ist alleine den Besuch von Xi'an wert.

In einem Tempel in einer Nachbarstadt wurde nach einem Blitzeinschlag ein Schatz aus der Tang-Dynastie entdeckt, der neben wunderschönen Gold- und Silbergefässen, auch einige "echte" Fingerknochen von Sakamuni (243 v.Chr.), dem Gründer des Buddhismus, enthielt. Damit ist unsere Sammlung sozusagen vollständig, sind wir doch auf unserer langen Reise natürlich auch "echten" Reliquien von Jesus, Mohammed und zahlloser seiner Irgendwie-Verwandten begegnet, besichtigten mindestens zwei Gräber von Abraham oder diverse Geburtsstätten von Hiob, usw... Nur die Überreste der Arche Noah besuchten wir nicht, die waren noch tief unter dem Schnee, als wir damals im Frühsommer den Ararat passierten.

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September 26, 2004
 
Buddhistische Hoehlen

Die Seidenstrasse ist - auch in China - vom Islam gepraegt. Bis nach Xi'an fahren wir durch meist muslimisch bewohnte Gebiete. Aber die Hauptsehenswuerdigkeiten sind buddhistische Hoehlen aus der Zeit vor der Islamisierung. Waehrend der Islam jegliche Abbildung von Lebewesen verbietet, verwendet der Buddhismus lebhafte Malereien und menschliche Skulpturen aus Stein und Lehm, um seine Botschaft zu verbreiten. Deshalb war die buddhistische Kunst den Muslimen der Gegend ein Dorn im Auge, und wie bei den Malereien in den christlichen Kirchen Kappadokiens (Tuerkei) wurden den Figuren die Augen ausgekratzt, oder ganze Gesichter wurden ausgeloescht. Verwitterung und Erdbeben taten ein Uebriges - von den auslaendischen Forschern ganz zu schweigen, welche um 1900 viele der Skulpturen raubten und, wie uns scheint, auf hoechst zufaellige und dilettantische Weise Stuecke von Malereien aus dem Verputz herausschnitten. Einige davon (die den Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs ueberlebten) haben wir letzten Herbst in Berlin bewundert... Last, but not least, wurden den Kunstwerken waehrend der Kulturrevolution Schaden zugefuegt. Ein Glueck, wenn die Hoehlen schwer zugaenglich waren oder vom Sand zugeschuettet und vergessen wurden. Ein Teil der Hoehlen befindet sich heute in der Wueste - Zeugnis der Klimaveraenderung - und blieb dank dem extrem trockenen Klima gut erhalten. Andere sind nur per Boot erreichbar oder kleben in atemberaubender Hoehe an Felsen.

Entstanden sind die Hoehlen nicht zufaellig entlang der Seidenstrasse. Denn auf dieser wurde der Buddhismus von Indien nach China gebracht. Die buddhistischen Kaufleute machten an wichtigen Knotenpunkten Halt, um fuer das Gelingen der gefaehrlichen Reise zu beten. Einige von ihnen nahmen dies zum Anlass, eine Hoehle zu stiften. Wie in christlichen Kirchen sind die edlen Spender in ihren besten Kleidern dargestellt. Auch ueber die Musikinstrumente oder Architektur der damaligen Zeit geben die Darstellungen Aufschluss. Hauptthema aber ist Buddha selbst. Er und die Bodhisattvas werden in China und Tibet kultisch verehrt. Bodhisattvas haben die Erleuchtung schon erlangt, verzichten aber auf den Eingang ins Nirvana, um anderen Lebewesen den rechten Weg zur Erloesung zu weisen. Im Zentrum jeder Hoehle steht (mindestens) ein Buddha. Viele Hoehlen - die so genannten Tausend Buddha Hoehlen - sind mit von hunderten oder tausenden von kleinen gemalten oder in den Fels gemeisselten Buddhafiguren geschmueckt. Diese fast unendliche Menge an Buddhafiguren soll symbolisieren, dass unzaehlige Lebewesen schon Buddhas geworden sind und jedes einer werden kann. Die bemalten Hoehlen in der Takla Makan sind ueberdies bekannt fuer ihre Jatakas: Geschichten ueber fruehere Existenzen Buddhas, in denen ersich fuer andere aufopfert, um sie zu retten. Ein beruehmtes Beispiel: Ein Prinz trifft eine Tigerin, die vor Hunger so schwach ist, dass sie ihre Jungen nicht mehr fuettern kann. Der Prinz wirft sich der Tigerin zum Frass vor, aber die Tigerin schafft es nicht, den Prinzen zu toeten. Also stuerzt sich dieser von einer Klippe herunter, die Tigerin labt sich an seinem Blut und gewinnt damit genuegend Kraft, um ihn zu fressen und ihre Jungen zu saeugen.

Mit dem Ende der Tang-Dynastie war nicht nur die Bluete der Seidenstrasse vorbei, sondern auch die staatliche Unterstuetzung und Foerderung des Buddhismus. Damit nahm der Ausbau der Hoehlen weitgehend ein Ende. Zur weiteren Geschichte der Hoehlen siehe oben...

Die wichtigsten buddhistischen Hoehlenkomplexe Chinas (von West nach Ost)

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September 15, 2004
 
Hinter der Chinesischen Mauer

Wir verlassen den wilden Westen Chinas bei den Auslaeufern der Wueste Gobi
und bringen uns hinter der chinesischen Mauer bei Jiayuguan in Sicherheit.
Hier ist der Eingang des Hexi-Korridors, eines breiten Tals, welches direkt
in das Herzen der alten chinesischen Hochkultur fuehrt. Dieser strategisch
wichtige Eingang wird durch ein maechtiges Fort geschuetzt, das bis zu 30'000
Soldaten aufnehmen konnte. Mit seinen chinesisch verschnoerkelten Tuermen
sieht es jedoch relativ harmlos aus. Die beruehmteste Mauer der Welt zieht sich von hier aus quer durch das Tal und erklimmt kuehn die Berge Richtung Osten.

Bereits Jahrhunderte vor der Zeitenwende begannen die Bewohner Nordchinas, Mauern gegen die staendigen Ueberfaelle der Steppennomaden zu errichten. Nachdem China 220 v.Chr. erstmals zu einem Kaiserreich vereint worden war, wurden unter gewaltigem Einsatz von Mensch und Material diese Teilstuecke zu einem durchgehenden Verteidigungssystem ausgebaut. Spaeter eroberten die nachfolgenden Han-Kaiser auf der Suche nach den schnellen Pferden Zentralasiens die Gebiete um die Takla Makan. Um die neuen Gebiete zu sichern, wurde die Mauer entlang dem Hexi-Korridor nach Nordwesten bis ueber Dunhuang hinaus ausgedehnt. Damit war die Karawanenstrasse bis zum Eintritt in die Wueste abgesichert, und eine wichtige Voraussetzung fuer den Handel mit dem seidenverrueckten Roemischen Reich war geschaffen.

Das goldene Zeitalter der Seidenstrasse brach unter der Tang-Dynastie Ende des 6. Jhs. n.Chr. an und dauerte rund dreihundert Jahre. Seide war allerdings nicht mehr das dominierende Handelsgut. Das bereits ueber 3000 Jahre alte Geheimnis war naemlich kurz zuvor in Form von geschmuggelten Seidenraupeneiern und Maulbeerbaumsamen nach Konstantinopel gelangt. Damit war das chinesische Monopol der Seidenherstellung gefallen. Neben dem Handel erbluehte auch ein reger relegioeser, kultureller und wissenschaftlicher Austausch v.a. mit Ostrom, Persien und Indien.

Im 13. Jahrhundert eroberten die Mongolen die Gebiete der gesamten Seidenstrasse bis zum Mittelmeer und verschafften ihr die letzte Bluetezeit. Nachdem sich China 1368 vom Joch der mongolischen Herrschaft befreit hatte, schottete es sich gegen alle fremdlaendischen Einfluesse ab, was zu einem drastischen Einbruch des Handels auf der Seidenstrasse fuehrte. Stattdessen wurde die Mauer renoviert und bis ins 17. Jahrhundert zu dem ausgebaut, was wir von Kalenderbildern her kennen. Uebrigens gibt es nicht die Chinesische Mauer. In 2000 Jahren Bauzeit wurden immer wieder neue Teilstuecke neben aelteren Abschnitten errichtet, teilweise hunderte von Kilometern lang. In einigen Regionen gibt es bis zu fuenf parallele Mauerverlaeufe. Die Gesamtlaenge aller jemals erstellten Mauern betraegt denn auch unglaubliche 50'000 Km. Mehr als der Erdumfang. Der Bau, meist in harter Fronarbeit geleistet, soll mehrere Millionen Menschenleben gekostet haben.


Abstecher auf das tibetische Hochplateau

Nach Tausenden von Kilometern entlang und durch die Wueste brauchen wir etwas Abwechslung. Wir machen deshalb einen Umweg zu den zwei wichtigsten buddhistischen Kloestern ausserhalb Tibets in Xining (Kumbum-Kloster) und Xiahe (Labrang-Kloster). Durch ein enges Tal, an dessen steilen Haengen Yaks wie Ziegen herumklettern, erklimmt der Bus das sattgruene Hochplateau. Ueber Jahrhunderte gehoerten diese Gebiete zum unabhaengigen Koenigreich Tibet, und noch heute ist die Bevoelkerung ueberwiegend tibetisch. Die Frauen sehen auf den ersten Blick aus wie in Bolivien mit ihren Strohueten, zwei langen Zoepfen und den mit bunten Borten gesaeumten Maenteln. Auch die Maenner tragen oft die typischen wattierten Maentel, welche die linke Schulter frei lassen. Der Abt von Labrang ist nach dem Dalai und dem Panchen Lama die Nummer Drei des Gelbmuetzenordens, weshalb viele Pilger hierher kommen. In ihren traditionellen Kleidern schreiten sie den 3 km langen Pilgerweg ums Kloster ab, drehen dabei die hunderten von Gebetsmuehlen am Weg und murmeln dazu Gebete. Der tibetische Buddhismus mit seinen starken Einfluessen aus dem Schamanentum wirkt auf uns sehr fremdartig. Dunkle, mit Teppichen, Gluecks- und Gebetsfahnen verhangene Tempel, erleuchtet nur von Yakbutterlampen; Opfergaben, unzaehlige Erscheinungsbilder von Buddha und seinen Begleitern, furchterregende Daemonen, auf dem Bauch liegende Betende... Einen starken Kontrast zu dieser Duesterkeit bildet die Froehlichkeit der Moenche. Hoehepunkt unseres Besuchs war denn auch das gemeinsame Mittagsgebet (fast) aller 800 Moenche, die heute wieder in Kumbum leben. Denn waehrend der Kulturrevolution wurden die buddistischen Kloester geschlossen und stark zerstoert.

Obwohl der Trip landschaftlich und kulturell sehr interessant war, war er wegen der langen Busfahrten auf teilweise unbefestigten Strassen anstrengend. Besonders die Fahrt hinunter nach Lanzhou am Gelben Fluss hat es sechs Stunden lang so geschuettelt, dass wir kaum etwas essen oder trinken konnten. Selbst die Froehlichkeit der mitfahrenden Moenche war am Ende im wahrsten Sinne des Wortes erschuettert. Voellig geschafft haben wir uns ein schickes Hotel geleistet, was in China nicht allzu teuer ist. Und als - kaum hatten wir es uns im Bett gemuetlich gemacht - der Startschuss zum olympischen Triathlon der Herren fiel, war Erwin wieder mit China versoehnt.

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August 27, 2004
 
Verstaendigungsschwierigkeiten

Das Reisen in China ist nicht immer einfach. Sicher ist es auf unserer Reise das schwierigste Land, und das liegt nicht nur daran, dass wir den Riesenschmoeker von Lonely Planet nicht mitschleppen mochten. Wenn Andrea angestrengt ihre Zunge verrenkt, um einige chinesische Woertchen zu stammeln, gibt es in der Regel eine der folgenden Reaktionen:
Doch je laenger wir unterwegs sind, desto mehr treffen wir auf Leute, die bemerken, dass die Fremde, wenn sie den Mund auftut, dies mit einem Informationsbeduerfnis tut. Im Zweifelsfall wird sie dann freundlich zur Toilette verwiesen, oder es wird ihr eine Rolle WC-Papier zum Kauf angeboten. Selbst wenn wir Informationen auf Englisch einholen, sind diese nicht immer vollstaendig und auch nicht unbedingt richtig. Wenn die Leute die Antwort nicht kennen, geben sie oft irgend etwas an - wohl, um ihr Gesicht nicht zu verlieren. Wenn uns aber die Geduld nicht reisst und wir insistieren, und wenn sie auf etwas kreativere Weise mit uns kommunizieren, dann treffen wir auf sehr hilfsbereite Menschen. Ein Bus, der zur angegebenen Zeit faehrt, ein Strahlen auf einen richtig ausgesprochenen Satz hin, all das entschaedigt uns fuer die Muehen. Und uebrigens, einen Satz verstehen sie immer: Die Rechnung, bitte.

Essen in China

Es gibt viele Gruende, nicht nach China zu fahren: Die Kommunikationsprobleme, die widerlichen oeffentlichen Toiletten, das sinnlose Gedraenge an den Schaltern.

Es gibt viele Gruende, nach China zu fahren. Einer davon ist das Essen. Wir verzichten auf einen kulinarischen Exkurs. Man muesste eine Enzyklopaedie verfassen.

Doch wie sich durch die chinesische Kueche durchprobieren, wenn man der Sprache nicht maechtig ist? Die langweiligste Variante, da aeusserst beschraenkt, ist die mit dem Reisewoerterbuch. Auch nicht viel besser ist das englische Menu - wenn vorhanden, was eher selten der Fall ist. Denn was den Nachbarn serviert wird, haben wir auf unserer Karte nie gesehen. Interessanter ist es daher, in einem belebten Restaurant die Runde zu drehen und sich die leckersten Speisen von den Tellern der andern zusammen zu stellen. Aber auch hier werden wir dauernd frustriert: Immer wird nebenan etwas aufgetragen, was noch besser aussieht als das, was wir schon bestellt haben... Sehr praktisch sind daher die Garkuechen auf der Strasse und die ueppigen Fruehstuecksbuffets in den besseren Hotels, wo man sich ungeniert durch all die Koestlichkeiten durchprobieren kann. Natuerlich wissen wir nicht immer genau, was wir da essen, aber vielleicht ist das auch besser so.

Die Bewohner Chinas scheinen trotz der riesigen Auswahl an Speisen in kulinarischer Hinsicht wenig abenteuerlich zu sein. Zumindest, was das Essen von anderen Volksgruppen angeht. So verschmaeht der Uighure aus Kashgar den Lagman aus Turpan. Die Chinesinnen aus Shanghai essen im tibetischen Restaurant gar lieber die mitgebrachten Instant-Nudeln, als die lokale Kueche auszuprobieren. Die Tibeterin isst keine Nudeln in einem muslimischen Dorf wenige Busstunden von ihrer Heimat entfernt. Umgekehrt darf der muslimische Hui-Chinese keine tibetischen Spezialitaeten probieren, da diese fuer ihn nicht rein sind. Wie wir aber in einem als muslimischen bezeichneten (Hotel-)Restaurant Schweinefleisch bestellen konnten und auch erhielten, wird uns immer ein Raetsel bleiben.

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August 20, 2004
 
In den hohen Bergen

Fuer uns Schweizer ist die Gegend am Torugart-Pass oben nicht wahnsinnig aufregend, ungewohnt sind nur die stacheldrahtgesaeumte Strasse und die verlassenen Schuetzengraeben. Viel spannender ist unser Mitfahrer Lu, ein britischer Musiker, der nach eigenen Angaben 'unpopular music' macht. Im Auftrag einer kalifornischen Foundation erfasst er, die kirgisische und tadschikischeVolksmusik und die Lebensbedingungen der MusikerInnen. Sein scharfer Beobachtungssinn, kombiniert mit feinem Sprachwitz produzieren laufend koestliche Unterhaltung (auch spaeter in Kasghar). Unaufhoerlich schiesst er mit seiner Digitalkamera Fotos in allen Lagen, in Kashgar schenkt er uns eine ganze CD voll.
Auch der Grenzuebertritt ist heutzutage, im Gegensatz zu dem, was in den Reisefuehrern steht, ueberhaupt kein Problem mehr. Einzig der junge Mann, der uns auf der chinesischen Seite empfaengt, zittert so stark vor Kaelte, dass wir ihm den Zettel aus der Hand nehmen muessen, damit er unsere Namen lesen kann. Zudem geraten wir kurz vor Kashgar in einen Hagelsturm, was er noch nie in seinem Leben erlebt hat.

Entlang dem beruehmten Karakorum Highway machen wir einen Ausflug Richtung Pakistan. Die Strasse, welche sich durch ein farbenpraechtiges Tal hinaufwindet, ist staendig durch Felssturz und Ueberschwemmung bedroht. Das ganze Gebirge scheint nur aus lockerem Geroell zu bestehen, auf 3000m Hoehe treffen wir sogar auf maechtige Sandduenen. Die Besteigung unseres ersten 4000er (4166m) ist nicht weiter schwierig. Der von hier aus erhoffte Blick ganz hinauf zu den Spitzen von Muztagh Ata (7546m) und Kongur (7719m) bleibt uns wegen Gipfel-Wolken knapp verwehrt. Dafuer sehen wir unsere ersten echten Yaks in ihrer natuerlichen Umgebung und in der Jurte gibts nicht Kumis, sondern Fasnachtskuchen!


China und doch nicht China: Kashgar

Auf unseren ersten chinesischen Begruessungsversuch winkt der junge Mann ab - er sei kein Chinese, sondern Uighure. Die Aehnlichkeit des Lands zu Usbekistan ist frappant, die Landschaft unten im Tal sieht mit ihren pappelgesaeumten Oasen aus wie das Ferganatal, die Frauen tragen Seidenkleider mit denselben traditionellen Mustern. Kein Wunder, sind es nur gerade 200 km Luftlinie von der chinesischen zur usbekischen Grenze, weniger als zwischen den usbekischen Staedten.

Doch die chinesische Zentralregierung gibt sich alle Muehe, die Region chinesisch zu machen. Rund 50% der Bevoelkerung sind mittlerweile Han-Chinesen. Die Moscheen und Mausoleen in Kashgar wirken museal, obwohl oder gerade weil ein Schild stolz verkuendet, dass die Regierung die Verschiedenheit der Kulturen respektiere. Sie habe deshalb diese Orte zum Wohl aller unter ihren besonderen Schutz gestellt. Was von Kashgars Altstadt noch uebrig ist, wurde erst letztes Jahr von einer Tourismusfirma vor dem Abriss gerettet. Die Neubauten zur Umsiedlung der Altstadtbevoelkerung stehen gaehnend leer am Stadtrand.

Auch der beruehmte Sonntagsmarkt sollte in standardisierte Markthallen gezwaengt werden; der Grossteil des Geschehens spielt sich jedoch auf den Zugangsstrassen zum Markt ab. Noch immer lebt in Kashgar das bunteste Voelkergemisch, das wir auf unserer Reise bisher gesehen haben. Selbst indoeuropaeische Gesichter treffen wir - oertliche Tadjiken oder Nachfahren persicher Haendler der Seidenstrasse? Andere Gesichter sieht man nicht: Hier gibt es viele konservative MuslimInnen, manche Frauen tragen sogar ein braunes Wolltuch ueber dem Kopf, welches sie hoechstens am Markttag zurueckschlagen. Sonst sehen wir, wie sie stolpern oder von Kindern gefuehrt werden. Jene, die wenigstens einen Augenschlitz frei lassen oder nur ein im Nacken geknotetes Kopftuch tragen, fahren genauso wie die Chinesinnen Fahrrad oder - besonders elegant in knoechellangen Kleidern und hohen Absaetzen - lautlose elektrische Roller.


4000 km entlang der Wueste Taklamakan

Auf der Suedroute verlassen wir mit unserem gemieteten Auto (inkl. Fahrer und Guide) Kashgar. Zahllose Windhosen ziehen beschaulich ihre Bahnen ueberdie weiten Geroellfelder, welche die Raender der Wueste bedecken. Unterbrochen wird die Einoede durch langgezogene Oasen, die von Gebirgsfluessen gespiesen werden, welche sich spaeter irgendwo im Sand verlieren. Eng an die hohen Pappeln schmiegen sich Lehmhaeuser mit praechtig verzierten Tueren und grosszuegigen Traubenpergolas. Das Strassenbild wird von Eselkarren dominiert. In den Fluessen findet man die von den Chinesen so begehrte Jade, welche traditionell in Khotan mit einfachen Werkzeugen und tiefem Sicherheitsstandard in Handarbeit bearbeitet wird. (Vorsicht Touristen: Jade laesst sich auf unter 15% des angeschriebenen Preises runterhandeln)!

Vor Sonnenaufgang des dritten Tages stossen wir schliesslich direkt in die Wueste vor, deren Namen soviel bedeutet wie "wer hinein geht, kommt nicht mehr heraus". Wir bleiben deshalb brav auf der neu erbauten Strasse, welche ueber 500km quer durch das Sandmeer auf die Nordseite fuehrt. ArbeiterInnen stecken Reihen von Schilfwaenden in die Duenen, andere vergraben Leitungsroehren im Sand, dritte bauen kleine (Pump)haeuser, alles in beschaulicher Handarbeit. Weiter im Norden sehen wir das Endergebnis: die Duenen entlang der Strasse werden mit Bueschen begruent und bewaessert, um ihre Wanderung zu stoppen. Sanft folgt eine gelbe Welle der anderen, mal sich zu Huegeln auftuermend, mal in flache Taeler abfallend, bis hin zum Horizont. Der Sand ist so fein, dass die Schuhe innert Sekunden gefuellt sind. Wie unendlich langsam und muehselig muessen hier die Karawanen vorwaerts gekommen sein. Ein leichter Sandsturm verhindert weiteres Duenensurfen und vertreibt uns leider fruehzeitig aus der schrecklich-schoenen Landschaft. Tage spaeter gibt es zum Glueck eine Fortsetzung in den gewaltigen Sandduenen von Dunhuang.

Auch einen Regenguss in der Wueste erleben wir mit. Ansonsten verfuegt das extrem trockene Klima ueber gute konservatorische Eigenschaften. So ragt ein aus gestampftem Lehm gebauter Wachturm bei Korla auch noch nach 1400 Jahren in seiner urspruenglichen Hoehe auf. Gut erhaltene Mumien samt Grabbeigaben lassen sich in den Museen von Turpan und Ueruemqi gleich im Dutzend bestaunen. An den Haengen der Feuerberge (heissester Ort in China) verwandeln sich Weintrauben luftgetrocknet innert 10 Tagen in schmackhafte Sultaninen.

Nach 6 Tagen, waehrend derer wir oft auf endlos scheinenden Schotterwegen durchgeschuettelt wurden (am Ausbau des Strassennetzes wird ueberall kraeftig gearbeitet), verlassen uns unsere netten, aber leider etwas inkompetenten Begleiter. Vorbei an nickenden Oelpumpen erreichen wir im Bus Ueruemqi. Hier (wie bereits in Korla) steht das neue, hochentwickelte China, zwischen den spiegelverglasten Geschaefts- und Hoteltuermen ducken sich nur noch vereinzelt ein paar mausgraue Haeuser. Immerhin trotzt der bunte Nachtmarkt mit Troedel und Fressstaenden hartnaeckig den westlich gestylten Modeboutiquen und Fastfood-Restaurants.

Wir stellen fest, Bahnbillette lassen sich auch in China rasch besorgen: Nachdem wir die entsprechenden Fragen des Reisebueroangestellten, ob wir am naechsten Morgen resp. in zwei Stunden wiederkommen wollten, mit Nein beantworteten, kam er in rekordverdaechtigen 18 Minuten mit zwei 1. Klasse Schlafwagentickets schwer keuchend (das Buero war im fuenften Stock) zurueck. Apropos Leistung: Dank der chinesischen Finalbeteiligung kommen auch wir in den Fernseh-Genuss der ersten Schweizer Goldmedaille.

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August 11, 2004
 
XINJIANG, China

Offizieller Name: Uighurische autonome Region Xinjiang

Flaeche: 1.6 Mio Quadratkilometer; die groesste Provinz Chinas, ein Sechstel des Lands, viermal so gross wie Japan.

Bevoelkerung: ca. 17 Mio., davon je zwischen 40 und 50% Uighuren und Han-Chinesen, ferner Kasachen, Kirgisen, Mongolen u.v.a.m.

Hoechster Punkt: K2, 8611 m (der scheint in Xinjiang zu sein, aber 100% sicher sind wir uns nicht!)

Tiefster Punkt: Aiding-See, 154 m unter dem Meeresspiegel

Heissester Ort Chinas: Turpan (bis fast 50 Grad)

Zeitverschiebung: + 4 Std. MEZ (lokale Zeit) bzw. + 6 Std. MEZ (offizielle Zeit) - um den Zug nicht zu verpassen, muss man immer auch letztere mitdenken.

Waehrung: Yuan, 100 Y entsprichen ca. CHF 16.-. Fuer 2 Y kann man eine einfache Mahlzeit auf der Strasse essen, eine Stunde im Internet surfen oder Velo fahren. Restaurants und Hotels sind nicht ganz so billig.

Geschichte: Eine wechselhafte. Wie Funde von mumifizierten Leichen zeigen, war das Land vor etwa 3000 Jahren von indoeuropaeischen Menschen besiedelt, seit etwa 2000 Jahren leben hier Uighuren, ein (sesshaftes) Turkvolk. Aber auch die Chinesen waren um diese Zeit schon hier, wie Funde von Garnisonsstaedten und Graebern mit kuenstlerischen und schriftlichen Beigaben belegen. Xinjiang war, wenn nicht unter chinesischer, tibetischer, mongolischer oder usbekischer (Timur), dann meist unter mehr oder weniger regionaler Herrschaft. Die Bezeichnung Xinjiang (= neue Territorien) gibt es seit 1884, als das Gebiet chinesische Provinz wurde. Nach der chinesischen Revolution 1911 bis zur Gruendung der Volksrepublik China 1949 wurde Xinjiang von verschiedenen 'Warlords' beherrscht, und es gab diverse muslimische Rebellionen.
Ella Maillart und Peter Fleming (ein britischer Journalist, Bruder des James-Bond Erschaffers Ian Fleming) waren einige der einzigen Westler, die in den 1930er Jahren die Region zu bereisen wagten. Sie schafften es nur, indem sie die schwierigste Route waehlten, auf der keine Regierung irgendwelche fremden Reisenden erwartete.
Auch nach der Gruendung der Volksrepublik und der Erklaerung der Provinz zu einem 'autonomen' Gebiet gab es immer wieder Aufstaende gegen die Zentralregierung.

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